Suche löschen...
Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 14.10.1901
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1901-10-14
- Erscheinungsdatum
- 14.10.1901
- Sprache
- Deutsch
- Sammlungen
- Zeitungen
- Saxonica
- LDP: Zeitungen
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id39946221X-19011014
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id39946221X-190110141
- OAI-Identifier
- oai:de:slub-dresden:db:id-39946221X-19011014
- Lizenz-/Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
Inhaltsverzeichnis
- ZeitungBörsenblatt für den deutschen Buchhandel
- Jahr1901
- Monat1901-10
- Tag1901-10-14
- Monat1901-10
- Jahr1901
- Links
-
Downloads
- PDF herunterladen
- Einzelseite als Bild herunterladen (JPG)
-
Volltext Seite (XML)
Nichtamtlicher Teil. Die Lunft im Leben des Kindes. Wanderausstellung dcS Deutschen Buchgewcrbcvcreins (Vgl. Börsenblatt No. 237.) II. Der Einfluß, den die Kunst, wie Überhaupt das Gefühl für das Schöne auf die sittliche Bildung auszuüben vermag, ist, wenn auch zu verschiedenen Zeiten mehr oder weniger eifrig, so doch von jeher Gegenstand lebhafter Erörterungen gewesen. Auch heute leben wir wieder in einer Periode neu erwachter Teilnahme an der Entwickelung der Kunst, die keineswegs nur in Künstlerkreisen, sondern in den weitesten Kreisen der Oeffentlichkeit sich geltend macht. Die Erkenntnis, daß das Glücksgefühl des Menschen keineswegs abhängig ist von dem Besitz materieller Güter, ist bei vielen zur vollen Ueberzeuguug durchgedrungen, und so halten wir angesichts der wankenden Herrschaft des Materialis mus Ausschau nach einem neue» Führer der Geister: dem Idealismus. Aus farblos grauer Gegenwart schweift unser Auge hinüber zu der märchenhaften Pracht vergangener Schönheitswelten. Und vielleicht gerade deshalb, weil die Banalität unser Alltagsleben jetzt so stark beherrscht, macht uns die Gegenwart um so empfänglicher und begehrlicher für den Reiz der alten Mythen und künstlerischen Offen barungen einer entschwundenen Zeit, die um so mehr auf uns einwirken, weil wir sie mit einem durch die Sehnsucht verschärften Auge betrachten, eben einer Sehnsucht nach dem Idealen. Daß wir auf dem besten Wege sind, die Kunst und somit unser Leben durch einen neuen Idealismus erhöhen zu wollen, dafür sprechen deutlich viele Zeichen: nicht allein das Ringen führender Geister nach einer neuen Schönheits norm,^ sondern auch die Opferwilligkeit bedeutender Unter- stiehmec auf künstlerischem und litterarischem Gebiete und die > Veranstaltung öffentlicher Ausstellungen, zu denen auch die 'jetzt n uns zu besprechende gehört, deren Zweck es ist, A, ^.ng für ein immer mehr zu stärkendes Kunstgefühl zu geben. Treffend äußert sich Max Osborn in seiner »Ein führung« des Katalogs dieser Ausstellung, indem er sagt: »Unser Schulunterricht scheint heute fast ausschließlich nur ein Ziel zu kennen: den Verstand zu schärfen und Kenntnisse zu vermitteln Die Erziehung der Sinne und die Pflege der Phantasie werden vernachlässigt. Man übersieht die eminente Bedeutung dieser Faktoren für das Leben. Man vergißt, daß ihre Berücksichtigung die un abweisbare Voraussetzung für eine allseitige und be friedigende Ausbildung der geistigen Kräfte des Heran wachsenden Menschen ist.« Diese Aeußerung möchte ich noch dahin erweitern, daß unsere aufgeklärte Zeit ganz zu vergessen scheint, daß die allgemein-menschliche Vernunft, als das Centrum aller Entwickelungssphären des Geistes, sich nach drei Richtungen hin entfaltet. Die erste beruht auf dem Erkennen und führt zur Sprache, ihre Idee ist das »Wahre»; die zweite beruht auf dem Willen und führt zum sittlichen Handeln, ihre Idee ist das »Gute«; die dritte beruht aus der An schauung und führt zur Kunst, ihre Idee ist das »Schöne«. Das letztere haben thatsächlich viele für etwas zu Ent behrendes oder doch höchst Nebensächliches für die allgemeine Bildung des Menschen gehalten, und sie haben ganz zu sehen verlernt, welches Verlangen nach sinnlicher Anschauung im Kinde sich äußert. Achmnd>«chzlaster Jahrgang. Weiter sagt dann Osborn: »Man beginnt die Schüler mehr als bisher mit der Natur vertraut zu machen, und man hat den Anschauungsunterricht eingeführt, der das früher alleinherrschende Wort ergänzen soll. Aber diese Versuche müssen Stückwerk bleiben, wenn ihnen nicht eine künst lerische Erziehung zu Hilfe kommt.« — Er stellt dann ferner die durchaus berechtigte Forderung nach einer Reformierung des Zeichenunterrichts und die weitere: den Heranwachsenden Menschen mit der Kunst selbst in Beziehung zu bringen, um zu sehen, »wie die Künstler, die bevorzugten Menschen mit den be sonders glücklichen Augen und einer über das gewöhnliche Maß entwickelten Phantasie, die Natur sehen und auf- sassen. Er lernt das gesteigerte Sehen des Künstlers kennen und nimmt durch stets erneuten Hinweis mühelos die Art des künstlerischen Sehens in sich aus: wie der Künstler dis entscheidenden Züge der Wirklichkeit auswählt, wie er kraft seiner Veranlagung die Fülle der natürlichen Erscheinungen vereinfacht und darum ausdrucksvoller wiedergiebt, wie er Linien, Formen und Farben nach den in ihm lebenden Gesetzen der Harmonie zusammenstellt-. Gewiß sehr schön gedacht — nur kann ich ihm freilich in diesem Punkte nicht ganz zustimmen, da ich mir beim besten Willen nicht vorznstellen vermag, wie ein Kind die Schönheiten eines DUrerschen Holzschnitts, einer Rembrandt- schen Radierung oder gar die erhabene Formensprache der großen Quatrocentisten in sich aufnehmen soll. Vergegen wärtigen wir uns doch, wie viele Jahrzehnte es währt, bis der weitaus größte Teil unserer Zeitgenossen Böcklin und Thoma verstehen gelernt hat. Angesichts dieser und noch mancher anderen ähnlichen Thatsache scheint es geboten, nach dieser Richtung hin recht vorsichtig zu Werke zu gehen und nicht, wie schon öfter geschehen, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Auf jeden Fall wird es nötig sein, hierfür eine ganz beschränkte Auswahl zu treffen, d. h. Darstellungen zu wählen, die durchaus dem Empfinden und der Vorstellungs kraft des Kindes entsprechen. Denn ebensowenig wie das Kind die feineren Unterschiede zarter Farbennuancen zu ent decken vermag, ebensowenig wird es die feinen linearen Ab weichungen klassischer Formenschönheit sehen können. Es will eben alles gelernt sein! Und daß besonders in Kunstdingen gewöhnlich eine recht erkleckliche Spanne Zeit erforderlich ist, das wissen doch alle, die nur einigermaßen mit der Kunst sich vertraut gemacht haben. Ohne Zweifel wird die hier in Frage kommende Aus stellung mit dazu beitragen, die künstlerische Erziehung des Kindes wesentlich fördern zu helfen. Zeigt sie einerseits, was auf diesem Erziehungsgebiete bereits vorhanden ist, so läßt sie anderseits erkennen, was auf diesem Gebiete noch sehlt. Daß die Veranstalter der Ausstellung dieser Unzu länglichkeit sich sehr wohl bewußt sind, geht aus dem Schluß wort der Einführung hervor, welches lautet: -Wir sind uns wohl bewußt, daß mit der Veranstaltung einer solchen Aus stellung nur ein erster Schritt in einem weiten und vielfach noch unerforschten Lande gethan wird. Aber dieser erste Schritt muß einmal gemacht werden.« Daß er gethan worden ist, sei dankbar anerkannt, denn überall, wo diese Ausstellung vorgeführt werden wird, wird sich auch ein leb haftes Interesse sllr sie geltend machen und ein reger Meinungsaustausch stattfinden. Im folgenden Berichte sollen die einzelnen Gruppen näher besprochen werden Ernst Kiesling. 1078
- Aktuelle Seite (TXT)
- METS Datei (XML)
- IIIF Manifest (JSON)
- Doppelseitenansicht
- Vorschaubilder