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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 01.08.1903
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- 1903-08-01
- Erscheinungsdatum
- 01.08.1903
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- Deutsch
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5918 Nichtamtlicher Teil. ^ 176, 1. August 1903. Europäer sofort als charakteristisch ins Auge springt, ist es verständlich, daß die Chinesen die Bilderschrift nicht wie die Vorderasiaten und Ägypter zu einer Buchstabenschrift ent wickelt haben. Die chinesischen Wörter unterschieden sich dem Chinesen nicht ebenso sehr dem Klange nach als nach dem Sinne. Auf höherer Kulturstufe erweiterte sich also ihre Bilderschrift zu einer Schrift mit unzähligen Ideogrammen, d. h. mit Zeichen, die eine Idee ausdrücken, ohne einen Anhalt für die lautliche Aussprache des Wortes zu geben. Für jedes Wort mußte ein Zeichen, wie man kurz für Ideogramm sagt, gebildet werden, das allerdings auch für verwandte Begriffe gebraucht werden durfte, wie z. B. für Sonne, hell, glänzend, strahlen. Auch so noch ergab sich aber ein ungeheures Zeichensystem. Da für jedes Spezialgebiet des Denkens und Wissens neue Wortbilder geschaffen wurden, sich zuletzt sogar eine Art Liebhaberei entwickelte, um feine Nuancen durch neue Charaktere darzustellen, so erreichte das Wortalphabet schließlich eine nur schätzungsweise zu ermittelnde Zahl von etwa 30 000 verschiedenen Ideogrammen. Man mußte in der Tat ein Schrift-»gelehrter« sein, um auch nur einen Teil davon zu beherrschen. Die Kenntnis eines Bruchteils genügt ja auch schon für den alltäglichen Gebrauch. Immerhin sind aber zum Verständnis der Tages zeitungen, der belletristischen und allgemeinwissenschaftlichen Literatur 3—4000 Wortzeichen zu lernen, wozu eiu wöchent lich 3—4 ständiger Schreibunterricht bis in die oberen Klassen des japanischen Gymnasiums erforderlich ist. Das Mehr an Zeitaufwand gegenüber unserm System ist also so erheblich, daß wir in der gleichen Zeit z. B. den ganzen französischen Unterricht am Gymnasium erledigen. Ein nicht zu unterschätzender Nachteil in national ökonomischer Beziehung entsteht durch die enorme Verteuerung des Drucks. Statt unserer wenigen Typen hat der japanische und chinesische Schriftsetzer deren mehrere Tausend, unter denen er seine Auswahl zu treffen hat. Die Schwierigkeit, trotzdem das Setzen schnell zu bewerkstelligen, überwindet der Japaner auf eine zwar einfache, aber teure Art und Weise. Jedem eigentlichen Setzer ist nämlich eine ganze Anzahl von Gehilfen beigeordnet, denen je ein bestimmter Abschnitt des Zeichensystems zugewiesen ist. Ihnen ruft der Setzer das gewünschte Wort zu und erhält darauf die Type von dem Gehilfen, in dessen Abschnitt es fällt. Daß trotz dieses Verfahrens japanische Bücher so erstaunlich billig sind, erklärt sich nur durch die geringen Löhne, die in Japan allgemein gezahlt werden. Wir sehen, daß der Ostasiate Grund genug hätte, ein andres Schriftsystem zu wünschen. Wenn trotz alledem bei der verhältnismäßig hohen Kulturstufe und fortgeschrittenen Intelligenz der Japaner die europäische Schreibart noch nicht eingeführt ist, so muß dies besondre Gründe haben. Solche sind denn auch reichlich vorhanden. Es kostet überall große Überwindung, mit dem Althergebrachten zu brechen. Treue und Anhänglichkeit an alter Gewohnheit sind Imponde rabilien, die schwer genug zu veranschlagen sind. Der Japaner empfindet bei schön gemalten »Kanji« eine Art ästhetischer Freude; noch vor dreißig Jahren wurden Schreib künstler den Kunstmalern fast gleichgestellt, die Schrift birgt dem Japaner mit einem Wort auch Gefühlswerte in sich. Die Vorliebe für ihre Schrift mag bei der jungen Generation nicht mehr so stark sein; doch auch sie ist in diesem Punkte konservativer, als man annimmt. Man vergleiche dazu, wie schwer es sogar bei uns ist, eine als altersschwach anerkannte, nur historisch begründete Orthographie über den Haufen zu werfen, besonders in dem sonst so praktischen England. Auch die Unterscheidung von großen und kleinen Buchstaben, von lateinischer und deutscher Schrift ist zweifellos unpraktisch. Die äußerst vorteilhafte Stenographie dagegen ist immer noch aus den meisten Schulen verbannt. Im Anschluß an die Stenographie mag hier erwähnt werden, daß ein schreibkundiger Japaner mit seiner Wortschrist ebenso schnell schreiben kann wie wir mit unfern Buchstaben. Die Unmöglichkeit, alle Ideogramme zu beherrschen, läßt kein Japaner als Grund gegen seine Schreibart gelten. Die Unbekanntheit mit einem selten gebrauchten Zeichen beunruhigt ihn ebenso wenig, wie wir uns um ein un bekanntes Fremdwort oder einen unverständlichen Fach ausdruck kümmern. Auch er ist gewohnt, durch Kom binationen aus dem Zusammenhang heraus den richtigen Sinn des Wortes zu konstruieren. Das Schwergewicht der aufgeworfenen Frage liegt meiner Meinung nach in folgenden Punkten. Maßgebend für die Fortdauer oder Abschaffung der überkommenen Schrift ist das Bedürfnis der Gebildeten. Ebenso wenig wie man früher und teilweise noch heute bei uns den Lateinunterricht hätte entbehren können, weil fast jede Wissenschaft dem Latein-Unkundigen verschlossen blieb, so wenig kann der gebildete Japaner auf die Kenntnis der alten Schrift verzichten. Nur mit ihrer Hilfe kann er eine Wissenschaft treiben, die irgendwie auf japanisch-chinesischer Grundlage ruht. In dem Aufgeben seiner Schrift liegt ein vollständiger Bruch mit der Vergangenheit, wie ihn der durch aus patriotisch gesinnte Japaner nie wollen würde. Wissen schaftlich vermöchten vielleicht Arzte, Chemiker und andre Gelehrte der neuen europäischen Wissenschaften die Chinaschrift zu entbehren. Japanphilvlogen, Historiker, die buddhistischen Theologen, die Literaten, Juristen, Staatsmänner, Techniker aus den einheimischen Industrien sind aber für die nächste Zu kunft noch immer darauf angewiesen, die alte Schrift zu lernen. Weshalb sie diese nach dem Erlernen auch im prak tischen Leben überall anwenden, obwohl ihnen schon jetzt großenteils vom modern-japanischen Gymnasium das euro päische System bekannt ist, wollen wir nunmehr darzulegen suchen.*) Das ideographisch geschriebene japanische Wort ist dem lautlich, phonetisch geschriebenen Ausdruck an Deutlich keit überlegen, das Wortzeichen ist signifikanter, eindeutiger. Diese merkwürdige Erscheinung erklärt sich durch die Ver stümmelung der unzähligen chinesischen Fremdwörter bei ihrer Übernahme in die japanische Sprache. Das Charakteristikum der chinesischen Sprache ist es nämlich, Lautgebilde, wie z. B. die Tonfolge ü, i — bi durch Modulation des Vokals, Hebung und Senkung der Stimme, nasale Aussprache in ganz verschie dener Art wiederzugeben. So wird bi und gleich ihm zahl reiche andere Worte auf achtfache Art und Weise ausgesprochen. Die so gebildeten, nahezu gleichlautenden Worte haben ety mologisch untereinander nicht die geringste Beziehung, haben also die verschiedensten Bedeutungen. Im Japanischen ist nun die verschiedene Aussprache in Fortfall gekommen, so daß die acht verschiedenen lü in gleichem Ton gesprochen werden. Die verschiedenen Zeichen dafür sind aber natürlich beibehalten. So ist also das Wort bi europäisch geschrieben seiner Be deutung nach nur in einem Satze oder in einem Kompositum verständlich und auch dort oft zweideutig, während das be treffende Ideogramm den Sinn unzweideutig wiedergibt. Daher ist die Verwendung der Chinaschrift praktisch und in wissenschaftlichen Werken sogar fast unentbehrlich. Angenommen, alle die Schwierigkeiten der Abschaffung des alten Systems würden überwunden und man wollte eine Lautschrift einführen, so bliebe immer noch fraglich, ob man seine Zuflucht zum römischen Alphabet nehmen würde. *) Zur exakten Darlegung wäre ein (wegen Mangel an Raum unmögliches) Eingehen auf den Charakter der japanischen Sprache nötig.
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