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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 30.03.1874
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1874-03-30
- Erscheinungsdatum
- 30.03.1874
- Sprache
- Deutsch
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- Saxonica
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Nichtamtlicher Theil. ?3, 30. Marz. 1200 Ausbewahrung nur möglich ist durch das Beibehalten gerade dieses Verfahrens. Die erste Gattung, meine Herren, von solcher Literatur umfaßt die Flugblätter, die Tagesblätter, die Zeitschristen, die Zeitungen, namentlich der Lokalpresse, jene ganze Literatur, in der die Zeit geschichte sich selber aufzeichnet und zwar mit den frischesten und unmittelbarsten Farben. Wer heute Forschungen anstellt über die deutsche Geschichte der Epoche von 1848 —1849, wäre sehr Übel daran, wenn er ausschließlich auf eine Literatur angewiesen wäre, die unsere Bibliotheken anschassen mußten, weil es sich von selbst verstand, — wenn er nicht sicher wäre, aus jeder Landesbibliothek die ganze Fülle der kostbaren Tagesliteratur aufgespeichert zu finden, die dort nicht wäre, wenn sie hätte angeschafft werden müssen, statt unentgeltlich dahin zu gelangen, und die ihm ein unentbehrliches Element seines Studiums und seiner Forschung bietet. Nehmen Sic den Antrag Brockhaus an, so wird sich der künftige Erforscher der Geschichte und Cultur des heutigen Deutschen Reiches viel un günstiger gestellt sehen, als der heutige Erforscher des Phantasie- reiches vom Jahre 1848/49. Es könnte der Fall eintreten, daß z. B. der Herr Abgeordnete Brockhaus selbst in seiner Eigenschaft als Verleger nach 15 oder 20 Jahren aus den Gedanken käme, die Herausgabe einer umfassenden culturpolitischen Geschichte des Deut schen Reiches zu unternehmen, und wenn er dann einen oder den anderen deutschen Gelehrten darüber fragte, so würde ihm der ant worten müssen als gewissenhafter Mann: „Durch die Ouelleu- überlieserung dieser Epoche geht eine breite klaffende Lücke, unzäh lige charakteristische Erscheinungen der Tagesliteratur, besonders die Organe der extremen Parteien, für die unsere Bibliothekare kein Geld und keinen Raum gehabt haben, sind gänzlich untergcgangen, und das kommt davon her, daß im März 1874 aus Ihren Antrag der deutsche Reichstag eine Einrichtung geschaffen hat, um die wir jetzt das vormärzlichc Deutschland beneiden müssend" (Sehr richtig!) Zweitens, meine Herren, eine andere Gattung von Literatur, um deren Sammlung und sichere Aufbewahrung es sich hier handelt, umfaßt jene wissenschaftlichen Arbeiten, von denen die Bonner Petition gesprochen hat, jene wissenschastlichen Arbeiten, die in einem für ihre Verbreitung ungünstigen Augenblicke erscheinen. Steht der Inhalt einer wissenschastlichen Arbeit in schroffem Wider spruche mit einer mächtigen herrschenden Zeitmeinung und kommt dieser Widerspruch in der Presse zur Sprache, dann ist keine Gefahr ihres Unterganges, denn dann sorgen die Gegner für die nöthigc Reclame, und sollte hier und da ein einzelner Bibliothekar nicht den Muth besitzen, dem Stirnerunzcln eines akademischen Machthabers zu trotzen, würden sich andere Bibliothekare gewiß finden, die den nöthigen Muth hätten, die Schrift anzuschaffen. Aber, meine Herren, wenn der Gedankengang einer solchen Schrift gar nicht hineinpaßt in die herrschende Gedankenströmung, gar nicht anknnpst an den Rahmen des Gültigen, dann bleibt die Schrift eben ganz un beachtet, sie wird nicht besprochen, verschwindet aus dem Buchhandel und der Verleger verkauft schließlich den unverbesserlichen Laden hüter als Maculatur. Nun kommt dieser Fall ziemlich häufig vor; man kennt Arbeiten genug, die anfangs gänzlich unbeachtet geblieben sind, deren Werth erst nach 10 oder 20 Jahren durch einen Zufall entdeckt worden ist; das Schicksal begegnet insbesondere den Bor- läusern solcher Geister, die im günstigen Augenblicke einer bahn brechenden Wahrheit zum Siege verhelfen, die vielleicht Jahre und Jahrzchende nach einem ganz bescheidenen Maße von Beachtung gerungen und es nicht gesunden hat. Dieser Art Literatur — und in der Bonner Petition finden Sie ein Beispiel angeführt, es ist das von den Vorläufern Darwin's und ihren Schriften, die Ivir jetzt vergebens suchen — schaffen Sie einen sicheren Ansbewahrungsort, und ich bitte Sic, berauben Sie dieses Aufbewahrungsortes diese Literatur nicht. Endlich, meine Herren, auch die Belletristik kommt in Frage. Für sie hat man in unseren Bibliotheken keinen Pfennig übrig, und ihre Aufbewahrung ist für den künftigen Erforscher der Cultnr unserer Zeit von großer Bedeutung. Sie umsaßt die Denkmäler, aus denen man die Sitte» und die Denkweise, die Geistes- und Geschmacksbildung einer bestimmten Epoche am unmittelbarsten studirt, und wird um so bedeutungsvoller jetzt, als alle großen politischen, kirchlichen und socialen Grundrichtungen unseres öffent lichen Lebens auch auf dieses Gebiet ihren Tummelplatz verlegt haben, den sic mit steigendem Eifer betreten. Das, meine Herren, sind die drei Gattungen von Literatur, deren Sammlung und Aufbewahrung ich durch nichts anderes ver bürgt sehe, als durch die pflichtmäßigc Ablieferung von Frei exemplaren an die Landesbibliothekcn, wie sie im größeren Theile von Deutschland, wie sie in Oesterreich, Frankreich und England in umfassender Weise besteht. Was nun meinen Antrag angeht, meine Herren, so werden Sic, da ich als entscheidenden Gesichtspunkt die Ausbewahrung der Literatur vorangcstollt habe, verstehen, weshalb ich im ersten Satze verlange, daß diese Austage gemeinsam geleistet werde durch den Verleger und den Verfasser; denn es haben beide ein gemeinsames Interesse daran. Ich denke mir das so, wenn der Satz angenommen wird, so hat jeder Verleger das Recht, über diesen Punkt eine beson dere Bestimmung im Verlagsvertragc aufzustellen und dort, wo zwei Freiexemplare verlangt werden, dem Verfasser eines abzuver- langen von den Freiexemplaren, die ihm zukommen, wo eines ver langt wird, ihm die Hälfte zu berechnen. Schließlich habe ich die Prachtwerke mit Abbildungen aus genommen, nicht bloß deshalb, weil hier die Herstellungskosten sehr häufig so bedeutend sind, daß die Ablieferung von einem oder zwei Freiexemplaren den Verleger um einen großen Theil, wenn nicht um seinen ganzen Reingewinn bringt, sondern aus dem prinzipiellen Grunde, weil, was solchen Prachtwerken ihren charakteristischen Werth verleiht, eben nicht dem Buchhandel und dem Buchdruck, son dern der Kunst angehört. Mein Antrag wird, falls er angenommen werden sollte, die Agitation gegen die Freiexemplare entwaffnen; denn er wird den Beschwerden Abhilfe schaffen, die bis jetzt mit ziemlichem Erfolge geltend gemacht worden sind; er wird vielleicht auch ein Beispiel geben, um in den Ländern, wo die pflichtmäßigc Ablieferung der Freiexemplare gesetzlich abgeschafft ist, den bethciligten Kreisen zu zeigen, auf welchem Wege sie im Interesse der Aufbewahrung der Literatur, an der sie selber bctheiligt sind, diese Ablieferung durch Sclbsthilse wieder einführcn können. Meine Herren, ein ganz kurzes Wort zum Schluffe. Die Ein richtung, um die es sich hier handelt, ist entstanden in einer Zeit und ist aufrecht erhalten worden ohne Klage von einer Generation, der es sehr zweifelhaft sein konnte, ob die Ueberlieferung ihres ziemlich geschichtslosen Daseins sich eigentlich verlohne, in einer Zeit, wo gar mancher begabte Kops gedacht haben mag, wie jener große Athener, der die Dienste eines Gedächtnißkünstlers mit den Worten von der Hand wies: „Lehre mich vergessen, dann will ich dein Schüler sein; in der Kunst des Behaltcns bin ich stark genug." — Heute, meine Herren, steht es anders, heute, wo wir alle Ursache habe», uns zu schulen in der Kunst des Bchaltens, und zwar in jedem Sinne dieses vieldeutigen Wortes, wo es uns darauf ankommt, daß unser Volk nicht allzu rasch vergesse, was eine Nation groß und mächtig und einig macht, heute werden Sie einen Beschluß nicht fassen wollen, der wenig stimmen würde zu der ernsten Sorge, die wir den großen öffentlichen Interessen zuzuwenden haben, und unter diesen großen
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