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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 27.06.1936
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- 1936-06-27
- Erscheinungsdatum
- 27.06.1936
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- Deutsch
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Nummer 147, 27. Juni 1936 Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel staunenserregenden Fähigkeiten und Schlauheiten allgemeine An erkennung und Bewunderung erwirbt. Schon Herodot hat die bis heute lebendige Geschichte im -Schatzhaus des Rhampsenit» be richtet. Auch die Romane der Spätantike schätzen das Räuber motiv sehr, der berühmteste Roman jener Zeit, »der goldene Esel« des Apulejus z. B. ist voll von Hexen-, Diebes- und Räuberszenen, ja bereits Listen zur Entlarvung und Verhaftung der Verbrecher finden wir hier. So zeigen auch die Novellen- und Schwank sammlungen des Mittelalters und der Resormationszeit, beson ders aber die Anekdoten- und Kuriositätensammlungen des 17. Jahrhunderts des öfteren Vorliebe für derlei Stoffe. Schon ein Titel wie Harsdörffers »Großer Schauplatz jämmerlicher Mordsgcschichte» <1652 u. ö.) weist darauf hin. Wenn wir nun von diesen Vorläufern absehen wollen, so hat den eigentlichen Anstoß zur Entstehung unserer heutigen Kri minalliteratur Schiller mit seinen Räubern gegeben; hauptsächlich durch die Figur des edlen Räubers Karl Moor, der, von der Ge sellschaft zurückgcstoßcn und von dieser verworfen, sich außerhalb ihrer Gesetze und im Kampf gegen sie sein Recht sucht. Änd in seiner Novelle »Der Verbrecher aus gekränkter Ehre, stellt er in dem Sonnenwirt einen Menschen dar, der durch die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse zum Verbrecher wird. In der Ein leitung sagt er, daß dis Seelenkunde »den grausamen Hohn und die stolze Sicherheit ausrottet, womit die ungeprüfje aufrecht stehende Tugend auf die gefallene herunterblickt., wie Schiller überhaupt das Psychologische Verständnis für den Verbrecher wecken will. Das liegt nun durchaus im Zuge der humanen, Rousseauschen Aufklärung, Schiller steht auch nicht vereinzelt mit seinen Forderungen für das Verständnis des Verbrechers da, gab doch Goethe im Weither Verständnis für den Selbstmörder, Wag ner für die Kindesmörderin. So fanden Schillers Gedanken bald Anklang. Einer der be kanntesten literarischen Sudelköche jener Zeit, Christian Heinrich Spieß, veröffentlichte »Biographien der Selbstmörder und Wahn sinnigen» und in seinem vielbändigen Werke »Meine Reisen durch die Höhlen des Unglücks und Gemächer des Jammers» (1796) versucht er nachzuweisen, wie ein Verbrechen den kleinsten Um ständen entspringen könne, daß z. B. ein harter, roher Vater durch seine willkürliche Erziehung den Sohn zum Lügner und infolge dessen zum Dieb, Räuber und Mörder machen kann. Der so gegebene Typ eines Verbrechers, der aus Gründen der Unvollkommenheit und Verständnislosigkeit seiner Mitmenschen zu seinem traurigen Berufe gekommen ist, wurde nun durch Zschokke und vor allem durch Vulpius nach Italien verpflanzt, wo ja in der Tat damals das Banditen- oder wie man sagte das Bravo wesen in großem Umfange eingerissen war. Besonders Vulpius hat es verstanden, in seinem Rinaldo Rinaldini neben der finsteren Seite seines Helden auch dessen edelmütige, lyrisch-elegische Cha rakterzüge darzustellen. Und mit diesem Machwerk hatte Vulpius einen sehr glücklichen Griff getan. Neben vielen Nachdrucken er lebte das Buch viele Neuausgaben, Fortsetzungen, Dramatisie rungen, Übersetzungen ins Englische, Französische, Holländische, Dänische, Schwedische, Polnische, Russische und Ungarische. Und vor allem: Das Schema des Rinaldo wurde, man möchte fast sagen zum Normaltyp für all die vielen Hunderte von Räuberromanen, die von nun an bis weit in die sechziger Jahre des vorigen Jahr hunderts hinein erschienen. Mit dem Auskommen der englisch amerikanischen Detektivgeschichten erst wurde dieser Typ des edlen Räubers, der die blutdürstigsten Taten vollbringt und dabei doch ein naturliebendes Gemüt besitzt und vor allem den Frauen gegen über immer galant oder auch schwermütig ist, überholt. Viele Eigenschaften aber dieses Räuberhauptmanns wurden nun auf die neu eingeführte Gestalt des Detektives übertragen, seine Kühn heit, Unerschrockenheit, Großmut und dergleichen mehr. Der ein zige Unterschied ist nur der, daß der Detektiv jetzt zum Nutzen und im Auftrag des Staates und der Menschheit arbeitet, daß also sein Tun jetzt moralisch gerechtfertigt erscheint, während der frühere Räuber doch bei allem Edel- und Schwermut immer ein Schäd ling der Gemeinschaft war und meist auch zum Schluß sein böses Leben auf dem Schaffott büßte. Was aber die einzelnen Motive betrifft, so sind diese ebenso wie die Charaktereigenschaften der 578 Helden gleichfalls aus den alten Verbrechergeschichten aus die neuen Kriminalromane übergegangen. Den ebenfalls um die Wende des l8. Jahrhunderts gern ge lesenen Ritterromanen, die aus derselben Stufe wie die Räuber romane stehen, verdanken diese zwei äußerst dankbare, bis heute fortwirkende und beliebte Motive: das Motiv der geheimnisvollen, im Verborgenen wirkenden Feme und weiterhin das grauen erregende und unheimliche der Spuk- und Gespenstererscheinungen in alten wüsten Ruinen. Die Anregung zur Darstellung solcher heimlichen Gesellschaften, auch der Inquisition mit ihren unter irdischen Kerkern, ihren Foltcrgreueln und der abgründigen Bos heit ihrer Mönche und Agenten gab aber andererseits auch wieder Schiller mit seinem unvollendeten Roman »Der Geisterseher». Besonders in den dreißiger und vierziger Jahren erlebte der Räuberroman eine große Blüte. Neben den italienischen und spani schen Helden griff man jetzt auch gern auf historische Räuberhelden zurück, deren Leben man idealisiert in »historisch-romantischen Gemälden, darstellte. Typisch für diese Zeit ist der anreißerische Titel, meist ein Doppeltitel: »Der Räuber Bodenberg und sein Kind oder die Haideschencke. Historisch-romantisches Gemälde aus den Zeiten des Mathias Korvinus». »Astolso der Guerilla-Haupt- mann, oder: Das unterirdische Blutgcricht in Barcelona». »Don Carlo Olivaro, oder: Schreckensscenen aus dem Leben des Räuber hauptmanns Marosini». »Markitta, die Räuberbraut oder: Foretto und seine gefürchtete Bande«. Der Titel für einechistorische Biographie ist ebenfalls typisch: »Der berüchtigte Wildschütz des Erzgebirges Karl Stülpner, ein biographisches Gemälde, der Wahrheit treu angelegt und mit romantischen Farben ausgemalt». Auch das schauerliche Element wird vorzugsweise im Titel an gedeutet, als Anreiz zum Kauf, obwohl es dann im Buche nur gelegentlich vorkommt: »Das Blutschwert auf der Gerosburg oder die strafenden Geister«, »Die Räuberruine auf dem Geierstein oder die mitternächtliche Bluthochzeit in den Felsengewölben unter den Trümmern der Frohnburg». Die Ausstattung war den Titeln ebenbürtig, Hinrichtung?- und Kerkerszenen, Gespenstererscheinun gen, Schiffsuntergänge und Brände zeigen die rohen Holzschnitte und Lithographien in der Art der Neuruppiner Bilderbogen. Für derlei Literatur hatten sich bestimmte Verlage, die vor allem die Leihbibliotheken versorgten, herausgebildet, der »klassische» Verleger ist Gottfried Brasse in Quedlinburg, der selbst der gleichen Bücher schrieb, andere waren Fürst in Nordhausen und Goedsche in Meißen. Die meisten dieser Verlage saßen in kleinen sächsischen und thüringischen Städten, etwa Löbau, Grimma, Ilmenau, auch in Wien und Prag waren sie vorzugsweise zu finden. Ein Veclagsprospekt dieser Zeit dürfte nicht uninteressant sein: »Die resp. Besteller, welche sich unmittelbar an die Verlags handlung wenden und wenigstens für 12 Gulden aus einmal wählen... genießen 25"/° Rabatt. — Werden aber für 25 Gulden auf einmal genommen, kommen 50°/« Rabatt in Abzug. Um aber auch Abnehmern von kleineren Parthien eine angenehme Erleich terung zu verschaffen, haben wir uns entschlossen, bei Abnahme von sechs Romanen einen siebenten gratis beizugeben.. Die ganze hier skizzierte Entwicklung wurde in den vierziger Jahren von einer, äußerlich wenigstens ganz anders gearteten Literatur abgelöst. Eugen Sues Mysterien von Paris und andere seiner Romane lenkten den Blick sowohl des Publikums als auch jener Romanfabrikanten auf das Verbrechertum in Paris, später auch in London, Wien usw. Ein weiteres noch heute lebendiges Motiv kommt hinzu, die Verbrecherspelunke, in verrufener Gasse gelegen mit ihren Geheimzimmern, unterirdischen Gängen, ferner der schurkische Adlige, der mit der Verbrecherwelt Paktiert und über Leichen schreitet, um sich Erbschaften oder sonstige Güter anzueignen. Diese Stellung des verworfenen Barons oder Grafen ist natürlich aus den sozialen Spannungen aus der Zeit der acht- undvierziger Aufstände zu erklären. Auch diese französischen Ein flüsse erstreckten sich auf mehrere Jahrzehnte. Die Ausstattung wurde nicht besser, wohl aber die Bände bedeutend umfangreicher. Bereits in diesen Romanen spielt die Aufklärung von Ver brechen durch die Polizei eine größere Rolle als vordem, den eigentlichen Kriminalroman im heutigen Sinne aber, mit dem Detektiv als Helden, verdanken wir englisch-amerikanischen Ein flüssen. Schon Edgar Allan Poe hatte Kriminalnovellen geschrie-
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